An(ge)dacht

Sommerzeit
Bildrechte: Lotz

"Geh aus, mein Herz, und suche Freud ..." (Evangelisches Gesangbuch Nr. 503) - Das ist wohl eines der schönsten und bekanntesten Sommerlieder. Pflanzen und Tiere, Himmel und Erde, der Mensch und die ganze Schöpfung werden uns vor Augen gemalt. Narzissen und Tulpen, Berg und Tal, Lerche und Taube, Glucke und Reh, das Lustgeschrei der Schafe und ihrer Hirten, die Bienen und der Weinstock, der Weizen und der laubreiche Baum … Ein sinnenfrohes und sinnliches Bilderbuch Gottes – dazu da, mir Lust auf etwas noch Größeres und Schöneres zu machen.

Manchmal brauche ich jemanden, der mir die Augen öffnet. Selbst wenn ich glaube, sehend zu sein – das Wesentliche bleibt mitunter trotzdem verborgen. Paul Gerhardt stößt mich an: Mach deine Augen auf, sieh hin, nimm wahr und werde darüber dankbar.

Ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes großes Tun erweckt mir alle Sinnen; ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen.

Geschrieben hat der Pfarrer und Liederdichter die Zeilen dieses Liedes in einer schweren Zeit: Eines seiner Kinder starb, außerdem waren gerade 30 Jahre Krieg über das Land gegangen und hatten Städte, Felder und Wälder zerstört. Wenn man das weiß, liest man die ersten Zeilen anders: Geh aus dir heraus, mein Herz, bleib nicht in deinem Kummer verschlossen; verbittere dich nicht in deinem Protest über die zerstörte Natur. Suche Freude, sie kommt nicht von alleine. Geh aus dir heraus, um Freude und dich selbst zu finden. Du findest alles, indem du es ansiehst, als hätte Gott es für dich gegeben und bereitet. Lass dir helfen von der „lieben Sommerzeit“, von der Sehnsucht nach dem heilsamen Wärmeschauer der Sonne, nach den Zeichen, dass die Welt lebt, ja, dass du selbst lebst.

Hilf mir und segne meinen Geist mit Segen der vom Himmel fleußt, dass ich dir stetig blühe; gib, dass der Sommer deiner Gnad in meiner Seele früh und spat viel Glaubensfrüchte ziehe.

Nimm wahr – und blicke auch in die Ferne –, dann siehst du, dass am Ende deines Weges die Ferne keine Ferne von Gott ist. Lebe dein Leben in Dur und Moll, besinge die Natur und wisse, dass Leben auch Schattenseiten hat. Aber sei dir gewiss: Am Ende geht es gut aus. Das Hier und Heute sind erst der Anfang auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.

Eine gesegnete Sommerzeit wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Reinhard Fischer