Einzigartig wie die Muschel

Einzigartig wie die Muschel
Bildrechte Wodicka / GEP

Im Sommerurlaub fahre ich gerne an die Nordsee. Von den Temperaturen her ist es angenehm, meist geht ein wenig Wind. Es tut gut, für eine Weile weg von zu Hause zu sein, abschalten zu können.

Ich stelle mir vor, dass es dem Beter des 104. Psalms ähnlich ergangen ist, wie er am Meer steht in der Abendsonne, die alles in ein freundliches, warmes Licht taucht: das Wasser, den Sand, die Boote. Und wie ihm aus purer Leichtigkeit und Glück danach zumute ist zu singen; ein Psalm ist ja nichts anderes als ein Lied.

HERR, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter. Da ist das Meer, das so groß und weit ist, da wimmelt’s ohne Zahl, große und kleine Tiere. Dort ziehen Schiffe dahin; da ist der Leviatan, den du gemacht hast, damit zu spielen. Es wartet alles auf dich, dass du ihnen Speise gebest zu seiner Zeit.

Gerade jetzt können wir darüber staunen, wie die Werke Gottes so groß und viel sind. Äpfel und Pflaumen in den Gärten werden reif und duften. In einigen Wochen werden sich die Blätter der Bäume wieder verfärben. Kastanien werden auf den Wegen liegen.

Über die Sattheit der Schöpfung hat sich auch unser Psalmbeter gefreut, als er seine Zeilen schrieb. Nur dass er keine Äpfel, Pflaumen oder Kastanien vor Augen hatte, sondern das Meer und was dazugehört: Wellen, Fische, Krebse, Schiffe. Wer von Ihnen einmal am Meer gewesen ist, wird den Psalmbeter verstehen können: Das Meer ist ein Gotteslob wert. Wer sich am Meer aufhält, lässt sich einfangen von der besonderen Atmosphäre dort, dem Wind, dem stetigen Kommen und Gehen der Wellen, mal plätschernd, mal aufbrausend.

Ein besonderes Schmuckstück des Meeres sind die Muscheln. Ähnlich wie Kastanien lassen sie sich leicht sammeln.

Haben Sie sich so eine Muschel einmal genau angesehen? Keine Muschel gleicht der anderen, keine ist genau wie die andere. Jede hat ihr Aussehen, hat ihr eigenes Profil.

Ein bisschen sind die Muscheln wie wir. Auch wir sind alle sehr verschieden. Wie die Muscheln vom Wasser an den Strand gespült werden, so kommen wir aus unterschiedlichen Orten, haben schon einen längeren Lebensweg hinter uns. Auf diesem Weg haben wir die eine oder andere Macke abbekommen; die geht auch nicht wieder raus. Unser Leben hat uns gezeichnet, wie das Wasser die Muscheln gezeichnet hat. Wir sind nicht ganz ebenmäßig. Außen vielleicht rau, mit Rillen, weil wir innen einen weichen Kern verbergen und schützen wollen. Manches hat uns verletzt, manches hat uns hart gemacht, an einigen Stellen sind wir wie versteinert vor Enttäuschungen, durch schmerzhafte Erinnerungen. An der einen oder anderen Stelle der Muschel fehlt ein Stück, eine Lücke ist entstanden, die sich nicht mehr geschlossen hat. Auch das kennen wir: Wir mussten uns von jemandem trennen, der uns immer noch sehr fehlt.

Auf der Innenseite der Muschel gibt es eine geschützte Vertiefung: das Herzstück der Muschel. Dort ist Platz für all das, was uns wichtig ist, was uns im Leben gut tut. Schöne Erinnerungen, Freundlichkeit, die wir erfahren haben, Liebe, die wir erleben durften. Das alles hat einen ganz besonderen Platz, wir hüten es wie eine Perle, und davon zehren und leben wir letztendlich.

Wir sind angewiesen auf Achtung und Beachtung, die uns Menschen entgegenbringen. Wir möchten, dass man uns nicht übersieht. Wir sind angewiesen auf Freundlichkeit, auf Zuneigung, Freundschaft. Wir sind angewiesen auf Mitmenschen. So wie das, was wir in den Händen halten, ja im Grunde genommen auch keine ganze Muschel ist, es ist nur eine Muschelhälfte. Wie eine offene Hand deutet sie darauf hin, dass wir bedürftig sind.

Unser Psalmsänger hat das auch so gesehen und er hat darauf vertraut, dass Gott nicht nur der Schöpfer ist, der seine Schöpfung und Geschöpfe sich selbst überlässt, sondern sie immer wieder versorgt. Nicht zuletzt deshalb treffen wir uns zum Gottesdienst, um Gott daran zu erinnern, ihm zu danken für das, was wir bekommen haben, und ihn um das zu bitten, was wir dringend benötigen. Und wir sollen uns daran erinnern, dass wir Geschöpfe Gottes sind, jede und jeder zu seinem Lob geschaffen, jede und jeder einzigartig und wunderbar, worüber wir mit dem Psalmbeter nur staunen können und uns freuen dürfen.

Ich wünsche Ihnen schöne und erholsame Sommertage. Bleiben Sie behütet und bewahrt!

Ihr Pfarrer Reinhard Fischer