Alles wirkliche Leben ist Begegnung

Willkommen zur Rast
Bildrechte: Rainer Sturm / pixelio.de

Ein warmer Sommertag. Die Luft ist erfüllt vom Duft der Blumen, die Natur steht in voller Blütenpracht. Es ist mitten in der Woche, mitten im ganz normalen Alltag mit seiner Arbeit.

Plötzlich klingelt es. Unerwarteter Besuch steht vor der Tür. Unter dem Arm frisches Baguette, das köstlich duftet, und eine Flasche Wein im Korb. Eine Verlockung, der man sich kaum entziehen kann. Warum auch? Weil es noch so viel anderes zu tun gäbe? Weil nicht Wochenende ist? Weil wir am nächsten Tag womöglich mit Kopfschmerzen aufstehen? Weil ...

Nichts ist wichtiger als das Beisammensein mit Menschen, die man gerne hat und von denen man gemocht wird. Im Kühlschrank finden sich noch Käse und Salami. Schnell werden die Köstlichkeiten auf dem Tisch im Garten ausgebreitet und die Gläser gefüllt. Die Sonne scheint warm, der Wein beschwingt und durch die Luft klingt heiteres Lachen.

Wohlige Trägheit breitet sich in uns aus. Ein Zustand, den wir uns im Urlaub zugestehen und den wir uns doch so oft für unseren Alltag wünschen. Es geht uns gut. Jetzt und heute. In uns entfaltet sich das Gefühl von Dankbarkeit. Eine Dankbarkeit, die uns ahnen lässt, dass dieses einfache Mahl mehr ist als Essen und Trinken. Wir empfinden Geborgenheit, Nähe und Vertrauen. Im Zusammensein mit Menschen überwinden wir unsere eigene Begrenztheit.

Wie schmerzlich das "Aufsichselbstzurückgeworfensein" ist, mussten wir während der Corona-Beschränkungen erfahren. "Social Distancing" - soziales Abstand halten - als Ausdruck von Fürsorge; eigentlich ein Widerspruch, wenngleich in dieser Situation notwendig.

Doch mit dem Wissen um die Zerbrechlichkeit unseres Zusammenseins sollten wir jede Gelegenheit ergreifen, das Leben zu feiern. Mir fällt dazu ein Satz von Martin Buber ein, dem jüdischen Religionsphilosophen: "Alles wirkliche Leben ist Begegnung."

Leben wird von Begegnungen bestimmt. Unser Ich entfaltet sich nur in der Begegnung mit einem Du. Die Begegnung von Ich und Du verbindet sich zu einer Beziehung. Wir finden uns in einem Zustand des "Aufeinanderbezogenseins".

Das Schöne ist, wir können selbst die Brücke sein, die Begegnungen ermöglicht. Durch ein hilfreiches Wort, einen aufmunternden Blick, ein mitfühlendes Herz, ein fröhliches Lachen oder offene Arme. Wir können Gastgeberin oder Gastgeber für das Leben sein.

Ich wünsche Ihnen in dieser Ferien- und Sommerzeit - bei aller geboten Vorsicht und Abstandhalten - schöne und tiefe Begegnungen. Bleiben Sie behütet und bewahrt!

Ihr Pfarrer Reinhard Fischer